0 Autor: Stefan Reuter

Bison - You Are Not The Ocean You Are The Patient

You Are Not The Ocean You Are The Patient

Im Duell der mächtigen Säugetiere zogen Bison gegen Mastodon bislang immer den Kürzeren. Das ändert sich jetzt, denn das kanadische Sludge-Monstrum ist größer, stärker und vor allem gerissener geworden.

In den fünf Jahren, die seit "Loveless" vergangen sind, hat sich bei dem Quartett aus Vancouver einiges getan: Der unhandliche Namenszusatz „B.C.“ ist weg, statt bei Metal Blade veröffentlicht man jetzt über das geschmackssichere Berliner Label Pelagic, und Masa Anzai spielt nicht mehr Bass. Das für den schweren Sound der Band so wichtige Instrument bedient inzwischen Shane Clark, bekannt von den aufgelösten 3 Inches Of Blood. Wer nun vermutet, dass mit seinem Eintritt die epischen, beziehungsweise „klassischen“ Metal-Momente zugenommen hätten, liegt nicht ganz richtig: Sie sind immer noch da, stehen auf "You Are Not The Ocean You Are The Patient" aber gleichberechtigt neben Post Metal, Thrash-Eruptionen, doomigen Passagen und derbem Gekloppe. Zwar haben Bison schon immer mit solchen Elementen hantiert, sie aber noch nie so schlüssig und mitreißend kombiniert wie hier. Das wird bereits mit dem Opener "Until The Earth Is Empty" klar, dessen schwungvolles Eröffnungsriff jäh ausgebremst wird, um den ganzen Song tieferzulegen. James Farwell und Dan And zeigen, dass ihre Gitarren ebenso drücken können wie Clarks Sechs-Saiten-Bass, wenn sie nicht gerade rabiat um die Wette schreddern oder sich kopfüber in waghalsige Soli stürzen. Matt Wood sieht so gar keinen Sinn in falscher Zimperlichkeit und setzt sein Schlagzeug einem andauernden Belastungstest aus. "Anti War" entpuppt sich im Anschluss als fast lupenreiner Hardcore, wäre da nicht dieses quengelnde Solo. Mit drei Minuten ist das Stück für das Genre eigentlich auch zu lang, aber immer noch kürzer als die übrigen sechs auf der Platte. Bison versehen jedes von ihnen mit einer eigenen Note und schaffen so einen kraftvollen Sog. Im Mahlstrom von "Kenopsia" etwa testen sie erfolgreich, wie minimal sie ein Riff variieren können, ohne dass es langweilig wird. „My first kiss was fury/ Now I can not rest“, bellt Farwell im passend betitelten Album-Highlight "Tantrum", in dessen Mittelteil sich eine Querflöte und ein Cello dissonant umschwärmen und so für nicht nur wohlige Schauer sorgen. Das Streichinstrument verpasst auch dem Rausschmeißer "The Water Becomes Fire", der an Neurosis erinnert, eine besonders eindringliche Atmosphäre. Einen großen Anteil daran trägt auch Produzent und Band-Intimus Jesse Gander, der die musikalische Wucht in aller Klarheit einfängt. Bison vereinen auf "You Are Not The Ocean You Are The Patient" alles, was Freunde harter Musik mit Hirn schätzen: Sie holen Imposantes aus ihren Instrumenten, ohne in Muckertum zu verfallen. Sie führen verschiedene Einflüsse zusammen, ohne zu zerfasern. Und sie haben Songs geschrieben, die für sich stehen, aber im Gesamtkontext eine ganz andere Wirkung entfalten. Das war ihnen zuvor so nicht geglückt – Evolution gelungen. Von nun an gilt: Wem das Rüsseltier zu zahm geworden ist, der sollte dem Büffel huldigen.

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